Handelssysteme

Handelssysteme – Ein Überblick

Die Kombination von billiger Rechenkapazität, mächtiger Software und einem stetig wachsenden Universum an Handelsregeln und Indikatoren hat es inzwischen scheinbar auch Kleinanlegern ermöglicht, Mechanische Handelssysteme zu entwerfen und historisch zu testen.

Diese Entwicklungen haben zu immer exotischeren und komplexeren Indikatoren geführt. Die meisten Softwareprogramme bieten Dutzende Standardindikatoren an und „einfache“, speziell für Elektronische Handelssysteme entwickelte Programmiersprachen erlauben es dem Anwender, schier ohne Grenzen neue Ideen zu entwickeln und zu testen. So verwundert es nicht, dass die meistgestellte Frage in Diskussionsgruppen sich nach dem besten, dem alles beantwortenden Indikator richtet, welcher nur darauf wartet, entdeckt zu werden.

Der Begriff Handelssystem ist dabei definiert als

„Ein konsistenter und kompletter Satz explizit formulierter Regeln, welcher mit dem Ziel der Gewinnerzielung in den Märkten eingesetzt wird.“

Vorteile von Handelssystemen

Die wichtigsten Gründe für den Einsatz von Vollautomatischen Handelssystemen sind: Quantifizierbarkeit, Prüfbarkeit, Konsistenz und Objektivität. Alle vier Säulen sind von großer Bedeutung im alltäglichen Handeln, bilden Sie doch die Basis für Handelsentscheidungen, die das eigene bzw. fremde Geld riskieren.

Quantifizierbarkeit

Ein korrekt ausgetestetes Trading Handelssystem stellt die quantitativen Grundlagen zur Verfügung, die notwendig sind um Entscheidungen zu treffen. Es quantifiziert Risiko und Ertrag in Form von vorgegebenen Kennzahlen. Ohne diese Maßzahlen ist es nicht möglich die zukünftigen, erwarteten Gewinne zu definieren oder deren Realisierung gegen die Vergangenheit zu messen.

Prüfbarkeit

Ein Automatisiertes Handelssystem muss an der Vergangenheit getestet werden um die maßgeblichen Kennzahlen zu errechnen. Ohne diese essentielle Information ist es nicht möglich festzustellen ob das Vertrauen in eine Handelsidee auf Sand gebaut ist oder Hand und Fuß hat. Erst die Prüfbarkeit gibt dem Händler das Vertrauen auf sein System Geld zu setzen und Verlustphasen durchzustehen.

Objektivität

Eine objektive Regel ist wiederholbar und unbeeinflusst von Emotionen anwendbar. Ein wichtiger Unterschied zwischen dem „Handel auf Papier“ und in der Realität sind Emotionen. Hierin besteht ein wesentlicher Wert des Automatischen Handelssystems – es eliminiert Emotionen.

Emotionen sind ein täglicher Teil des Handelns an den Märkten. Jedoch lassen sich selten verlässliche Regeln auf Basis von Emotionen erstellen. Das gleiche Ereignis kann zu unterschiedlichen emotionalen Reaktionen führen, basierend auf dem Gefühlszustand des Händlers sowie anderer Einflussfaktoren wie Gesundheit, Wohlbefinden, Wetter etc. Mechanische Handelssysteme nehmen den Entscheidungsbedarf aus dem täglichen Handeln und wenden eine festgelegte Strategie konsequent an.

Konsistenz

Konsistenz ist die entscheidende Größe bei der Kontrolle von Risiko. Ohne Konsistenz ist es nicht möglich, auf historische Maßzahlen zu vertrauen bzw. das aktuelle Risiko zu kontrollieren. Für viele Händler ist Konsistenz die fehlende Komponente zum Erfolg. Ein Systemhändler muss konsistent handeln, ansonsten verliert die Systematisierung seiner Regeln den Sinn. Konsistenz ist in diesem Zusammenhang mit Disziplin gleichzusetzen.

Die Entwicklung eines Elektronischen Handelssystems mit Technischer Analyse

Vorgehensweise

Die Entwicklung eines Vollautomatischen Handelssystems stellt eine der größten Herausforderungen im Bereich der Technischen Analyse dar. Einerseits muss das Trading Handelssystem gut an das Asset angepasst sein, um möglichst rasch auf Veränderungen des Kurses zu reagieren. Andererseits soll es auch flexibel einsetzbar sein, um nicht nur für ein Asset zu funktionieren und dessen Kursbewegungen zu prognostizieren. Hier befindet sich die Schwierigkeit und auch die größte Gefahr. Automatisierte Handelssysteme, die zu stark an die Kurszeitreihe angepasst sind, wenn also ein zu starkes „overfitting“ besteht, bringen das Risiko mit sich, dass die Parametereinstellungen und die Indikatorauswahl so getroffen wurden, dass im Beobachtungszeitraum die größten Kursausschläge erkannt und somit die beste Performance erzielt wurde. Dies hat zur Folge, dass ein System geschaffen wird, welches für den Backtesting-Bereich optimal funktioniert, in der Zukunft aber meist keine Überlebenschance hat. Andererseits sollte für jedes Asset jene Indikatoren gewählt werden, welche die Kursbewegungen am exaktesten erklären.

Zwischen „Fitting“ und „Non-Fitting“ gilt es nun einen Kompromiss zu finden. Zwar beschäftigen sich zahlreiche Fachbücher mit Automatischen Handelssystemen, niemand geht aber genauer auf deren Konstruktion ein. Die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen befassen sich auch mit dem Test von Einzelindikatoren, wenige jedoch mit Mechanischen Handelssystemen.

Der Bau eines Elektronischen Handelssystems ist eine fortlaufende Serie miteinander in Beziehung stehender Entscheidungen, wobei jede Wahl sowohl Vorteile wie auch Nachteile mit sich bringt.

Für die Konstruktion eines Vollautomatischen Handelssystems müssen auch einige Annahmen getroffen werden, die auf den Theorien der Technischen Analyse basieren. Eine der wichtigsten Annahmen ist jene, dass jede verfügbare Information bereits eingepreist und somit im aktuellen Kurs enthalten ist. Die Annahme einer schwachen Informationseffizienz kann hier demnach ausgeschlossen werden.

Weiterhin kann davon ausgegangen werden, dass sich Kurse in Trends bewegen. Wäre dies nicht der Fall und die Kursbewegung würde nur seitwärts verlaufen, könnten wahrscheinlich keine Gewinne erzielt werden, die abzüglich der Transaktionskosten größer als der risikolose Marktzinssatz wären. Untersuchungen von Indikatoren haben ebenso gezeigt, dass Gewinne hauptsächlich in Trendphasen vorkommen.

Ein Trading Handelssystem wird auf Basis der Erkenntnisse der empirischen Untersuchungen der Indikatoren und Indikatorkombinationen entwickelt.

Schritte zur Entwicklung eines Handelssystems

  1. Schritt: Daten und verwendete Assets
  2. Schritt: System-Design
  3. Schritt: Kodierung und Test der Handelsregeln
  4. Schritt: Aus- und Bewertung der Systemergebnisse
  5. Schritt: Systemverbesserung
  6. Schritt: Anwendung/Handel

Zu 1. Daten und verwendete Assets

Das Handelssystem soll für eine Vielzahl von unterschiedlichen Assets aus allen Assetklassen angewendet werden. So soll vermieden werden, dass das System an nur ein Asset angepasst wird. Vielmehr soll es für alle Assets über den gesamten Zeithorizont stabile Performanceergebnisse liefern.

Folgende Assetklassen werden dabei verwendet:

– Commodities

– Stock Indices

– Bonds

– Währungen

Um die Tests mit möglichst realen Daten durchzuführen, beschränkt man sich häufig auf Futures, da diese eine hohe Liquidität und gute Handelbarkeit aufweisen. Da die Futureskontrakte begrenzte Laufzeiten und somit Sprünge in der Zeitreihe aufweisen, muss auf Zeitreihen zurückgegriffen werden, die indexiert wurden, so genannte Endloskontrakte bzw. „continuous“ Zeitreihen.

In-Sample/Out-of-Sample Daten

Vorab wird festgelegt, wie lange der In-Sample Bereich, also die Periode, in der das Handelssystem entwickelt und die Ideen getestet werden, sein soll. Diese Phase sollte nicht zu kurz sein. Zu beachten ist außerdem, dass die Länge dieser In-Sample Periode so gewählt werden muss, dass eine genügend große Anzahl an Beobachtungen vorhanden ist. Das bedeutet für ein Handelssystem, dass die Indikatoren eine genügend große Anzahl an Signalen generieren müssen.

Die Out-of-Sample Periode ist dabei jener Zeitraum, in welcher das entwickelte System auf Funktionieren getestet und validiert wird.

Anschließend wird das System unter Echt-Bedingungen getestet. Das bedeutet, dass die Performance zu Live-Kursen, also jene Kurse, die zum Zeitpunkt der Transaktion bestehen, getestet wird. Somit lassen sich die Performance des Systems und etwaige Fehler im realen Einsatz simulieren. Falls diese Phase positive und überzeugende Ergebnisse liefert, kann das Handelssystem zur Prognose von Kursbewegungen eingesetzt werden.

Zu 2. System-Design

Der zweite Schritt, das System-Design, ist einer der wesentlichsten Schritte. Hier werden die Rahmenbedingungen für die weitere Konstruktion und Regeldefinition festgelegt. Das System-Design muss so gewählt werden, dass die Risiko- und Persönlichkeitsstruktur des Traders bzw. Anwenders berücksichtigt wird.

Wichtige Kriterien für die Rahmenbedingungen sind:

– Philosophie des Ansatzes: Trendfolge-, Countertrend- oder Sentiment-System, Neuronale Netze

– Fristigkeit: lang-, mittelfristig- oder kurzfristig

– Diversifikation: Zeit-, Asset- und/oder System-Diversifikation

– Auswahl der Märkte

– Größenordnung des Tradingkapitals

– Renditeerwartung (Vergleich Kosten/Nutzen)

Die Festlegung, wie die Grundstruktur des Handelssystems aussehen soll, ist eine der schwierigsten und zeitlich aufwändigsten Tätigkeiten. Es muss überlegt werden, wie das System aufgebaut sein und welche Eigenschaften es aufweisen soll.

Einer der beliebtesten Ansätze ist das Konzept der Trendfolge. Wie bereits oben erläutert, folgt dieser Handelsansatz der Kursbewegung, hat also eine leichte Verzögerung, Für kurzfristige Investitionsentscheidungen ist dieser Ansatz also nicht geeignet, da er durch die Zeitverzögerung (sogenannter Lag) Verluste generiert. Mittel- bis langfristig kann das Konzept der Trendfolge jedoch Profit generieren. Es ist deshalb wichtig, die Auswahl des Ansatzes mit der Fristigkeit abzustimmen.

Eine Kombinationsmöglichkeit aus mittel- und langfristigem Ansatz wäre beispielsweise, für verschiedene Marktphasen unterschiedliche Handelsansätze zu verwenden. Es wäre denkbar, in Phasen, in welchen ein Trend erkennbar ist, Trendfolge-Indikatoren wie gleitende Durchschnitte einzusetzen und in Phasen, in welchen sich Seitwärtsbewegungen bestimmen lassen, für diese Phasen typische Indikatoren auszuwählen.

Neben der Unterteilung in Marktphasen ist es ebenso möglich, die Handelssysteme zu diversifizieren. Jedes Handelssystem hat in bestimmten Phasen Stärken und Schwächen, die mit einem gut durchdachten Algorithmus identifiziert und somit risikoreduzierend eingesetzt werden können.

Die Auswahl des Marktes stellt auch einen wichtigen Faktor dar. Insbesondere deshalb, da auf vielen Märkten die Transaktionskosten nicht zu unterschätzen sind.

Zu 3. Kodierung und Test der Handelsregeln

Unter Kodierung versteht man die Festlegung von exakt definierten Regeln. Es wird versucht, die Idee, die sich aus den vorangegangenen empirischen Überlegungen und Untersuchungen ergibt, in einem Code festzuhalten. Der Code stellt einen Algorithmus dar, der als Input die Kurszeitreihe des jeweiligen Asset und als Output eine Zeitreihe beinhaltet, welche die Investitionsrichtung angibt, also ob man long, short oder nicht in das Asset zum jeweiligen Zeitpunkt investiert ist.

Die Handelsregeln werden mit Hilfe kommerzieller Software kodiert. Die Kodierung wird so durchgeführt, dass täglich nach Börsenschluss für jedes einzelne Asset für den nächsten Handelstag Richtungsprognosen berechnet werden, die dann spätestens zu den jeweiligen Eröffnungskursen ausgeführt werden. Falls es zu keiner Veränderung der Richtungsprognose kommt, wird die bestehende Position gehalten. Weiterhin wird das Handelssystem so weit automatisiert, dass es diese Berechnungen täglich zu festgelegten Zeitpunkten durchführt, um es für eine möglichst große Menge an Assets zu testen.

Die Tests werden mit denselben Methoden durchgeführt. Einerseits werden die Performance, andererseits auch wichtige Portfolio-Statistiken ermittelt.

Zu 4. Aus- und Bewertung der Systemergebnisse

Zur Aus- und Bewertung der Systemergebnisse gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Methoden, die nachfolgend aufgelistet sind:

  1. Festlegung einer Benchmark
  2. Ermittlung der historischen Performance
  3. Hitrate (Trefferquote)
  4. Sharpe Ratio
  5. Information Ratio
  6. Sonstige Performancemaße